Was macht ein Hinterbänkler?

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Genau genommen ist in Berlin kein Politiker zum ständigen Hinterbänklerdasein verurteilt. Den 620 Abgeordneten des deutschen Bundestags sind im Plenarsaal keine festen Plätze zugeteilt. Nur wenn es voll ist, sitzen in den ersten sechs, mit Tischen ausgestatteten Reihen die wichtigsten Mitglieder der Fraktionen – also Minister, Fraktionsvorsitzende und parlamentarische Geschäftsführer. Finden Fachdebatten im kleineren Kreis statt, rücken die Hinterbänkler nach vorne auf die guten Plätze!

1970 definierte der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter: „Es empfiehlt sich, solche Abgeordnete als Hinterbänkler zu bezeichnen, die in der Regel keinen positiven Beitrag zur Willensbildung der Fraktion oder des Parlaments leisten, keine oder allenfalls bescheidene Aufgaben in der Parlamentsarbeit übernehmen und höchstens zu untergeordneten und meist lokalen Fragen Stellung nehmen.“ Das trifft laut Oberreuter auf rund 20, nach neueren Expertisen sogar auf 60 Prozent der Abgeordneten zu – heißt aber keineswegs, dass diese als Hinterbänkler nichts zu tun hätten. Vielmehr beschäftigen sich diese Arbeitsbienen des Politbetriebs das ganze Jahr über mit dem, was prominentere Politiker sonst nur in der parlamentarischen Sommerpause von Juli bis August schaffen: Sie engagieren sich mit ihrem Fachwissen in Arbeitsgruppen und Ausschüssen, bereiten Gesetzesentwürfe mit vor, kümmern sich um Detailfragen für parlamentarische Vorlagen und widmen sich persönlich den Bürgeranliegen aus ihrem Wahlkreis. Die Sommerpause nutzen sie dann ihrerseits gerne, um sich mit ausgefallenen Ideen zu profilieren (siehe Kasten). Dieses Jahr dürfte die Ernte an schrillen Einfällen allerdings bescheiden bleiben, da am 22. September Bundestagswahlen anstehen. Für Hinterbänkler heißt das: Wahlkampf im Wahlkreis bis zum Umfallen. (win)

 

Die skurrilsten Ideen der Hinterbänkler

 

1957: Die SPD-Hinterbänklerclique der „Kanalarbeiter“ protestiert gegen zu kleine Portionen im Restaurant des Bundeshauses und verzehrt dort selbst mitgebrachte Würstchen. Durch ihren Zusammenschluss gewinnt die Gruppe bis 1982 echten politischen Einfluss.

 

1993: CSU-Politiker Dionys Jobst schlägt vor, Deutschland solle Mallorca für 50 Milliarden D-Mark als 17. Bundesland kaufen.

 

2004: Jan Dittrich, Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen, will die GEZ-Gebühren im Sommer halbieren. „Gerade im Sommer sendet das Fernsehen verstärkt Schrott“, so Dittrich.

 

2006: Der Ex-SPD-Generalsekretär und Wieder-Hinterbänkler Klaus-Uwe Benneter verlangt die Einführung einer Siesta von 12 bis 16 Uhr. Mitteleuropa müsse sich langfristig auf ein Klima wie in Südeuropa einstellen, meint er.

 

2008: Überraschungseier gehören verboten, fordert die Kinderkommission des Bundestags. Denn: „Kinder unterscheiden nicht zwischen Spielzeug und Essen“, so Miriam Gruß (FDP). Gero Storjohann (CSU) verlangt im selben Jahr Nummernschilder für Fahrräder – aber nur in typischen Fahrradstädten „wie München oder Münster“.

 

2010: Marco Wanderwitz (CDU) will Dicke mehr in die Krankenversicherungen einzahlen lassen. Gerald Weiß, ebenfalls CDU, sähe Beschimpfungen wie „Gurkentruppe“ oder „Rumpelstilzchen“ bei Bundestagsdebatten gerne mit Geldstrafen belegt.

 

Foto: Makrodepecher  / pixelio.de

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