Warum lesen wir gerne Todesanzeigen?

Sensenmann - Foto: Charly-l / pixelio.de

Sensenmann – Foto: Charly-l / pixelio.de

„Ich lese die Dinger regelmäßig, sinniere darüber, dass die Einschüsse in meiner Altergruppe immer dichter fallen… und dann falte ich die Zeitung zusammen und freue mich, dass ich noch lebe.“

 

Diese Erklärung einer Internet-Userin, warum sie Todesanzeigen schmökert, könnte geradewegs aus einer aktuellen Münchner Studie zu den Motiven von Zeitungslesern stammen. Der Medienforscher Michael Meyen („Wir Mediensklaven“) stellt darin fest, dass es vor allem ein Gefühl der Selbstaufwertung ist, das Menschen sich über das Sterben Anderer informieren lässt: „Mein Gott, Du bist wieder dicht dran“, fühlen seine Befragten etwa – und genießen es, noch nicht „einer von denen“ zu sein.

 

Die Freude, davon gekommen zu sein während es andere erwischt hat, entspringt einem Verhalten, das Experten als sozialen Abwärtsvergleich kennen. „Ob man nun das Unglück der Teilnehmer einer Nachmittags-Talkshow verfolgt oder Leonardo DiCaprios Tod in ‚Titanic’, man schätzt dadurch die eigenen Lebensumstände positiver ein und fühlt sich besser“, erklärt Nicole Krämer von der Universität Duisburg-Essen. Die Medienpsychologin ist der Frage nachgegangen, warum sich Menschen gerne den Themen Trauer und Tod aussetzen und ist dabei noch weiteren Gründen auf die Spur gekommen. „Zunächst ist die Beschäftigung mit dem Tod Anderer eine abgeschwächte, erträgliche Form, dem eigenen Sterben ins Auge zu sehen“, erklärt sie. „Zudem könnte das Nachfühlen fremden Schmerzes aber auch angeboren sein.“ Neueren Evolutionstheorien zufolge erfüllen nämlich alle Emotionen klare Zwecke für die menschliche Gemeinschaft. Die Trauer Anderer zu erleben, egal ob durch Berichte, erfundene Geschichten oder Todesanzeigen, lässt demnach unser Verhalten gegenüber Mitmenschen fürsorglicher werden. „Der Tod anderer erinnert uns daran, dass Trauer etwas furchtbares ist“, so Krämer. „Folglich geben wir uns Mühe, unsere Lieben zu beschützen und vor Gefahren zu warnen.“

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