Ein Spaziergang durch Tallin

Weihnachtsmarkt in Tallin

Weihnachtsmarkt in Tallin

Trotz baltischem Kulturerbe fühlt sich Estlands Hauptstadt dem Westen verbunden.

 

„Tere“, ruft das blonde Mädchen, „Hallo. Wollen sie Postkarten? Ich bringe sie auch zur Post. Kostet fast nichts!” Sie strahlt, als ob es nichts Schöneres gäbe, als den ganzen Tag auf der Straße mit Touristen zu reden. Katri heißt die junge Verkäuferin – und die Stadt auf ihren Postkarten ist Tallin.

 

Dass Estlands Hauptstadt eines der schönsten Reiseziele in Europa ist, ist längst kein Geheimtipp mehr: Mit seinen gepflasterten Gassen, mittelalterlichen Kulturschätzen, Musikbühnen, Kneipen und nicht zuletzt auch wegen seiner unkomplizierten und weltoffenen Menschen ist Tallinn geradezu perfekt für Romantiker und Unternehmungslustige. Das Schönste: In Estland, dem nördlichsten der drei „baltischen Tiger“, herrschen goldene Zeiten. Die Wirtschaft wächst, und die Tallinner laufen fast dauernd mit einem Lächeln herum. Fast so, als würden sie sich immer noch über die Loslösung Estlands von der UdSSR 1991 und den damit einhergehenden Wohlstand freuen. „Wir waren schon immer westlich orientiert”, erklärt Katri. „Schließlich war Tallin viele Hundert Jahre freie Hansestadt. Wir fühlen uns Skandinavien, England und Deutschland viel mehr verbunden als dem Osten. Helsinki liegt ja nur 80 Kilometer weit auf der anderen Seite des Meers!” In vier Jahren wird das 1291 gegründete Tallinn vermutlich europäische Kulturhauptstadt – die endgültige Zusage erhalten die Stadtoberen und die rund 396000 Einwohner wohl diesen Herbst.

 

Dann erklärt Katri die beste Route durch die Altstadt, die „Vanalinn“. Vom Viru-Platz aus starte man am besten durch das große Stadttor in die historischen Gassen. „Wer die Viru tänav hinunter läuft, findet gleich die schönsten Cafés, Boutiquen und Kunstgalerien. Aber suchen Sie da keine röhrenden Elche, wir haben nur moderne Kunst.“ Das darf man ihr glauben. Die Esten sind in der Tat berühmt für ihre Sucht nach Zeitgemäßem; jedem Bürger ist der kostenlose Zugang zum Internet gesetzlich zugesichert, und sogar die Strickwaren-Weiblein in den Straßenständen tragen Hilfiger und Nokia.

 

Am Rathausplatz angelangt, gebe es eine Menge zu sehen, sagt Katri: das gotische Rathaus mit dem Turmwächter Thomas (dem Wahrzeichen der Stadt), das Große Gildehaus, die alte „Raeapteek“, eine Apotheke, die seit 1422 in Betrieb ist. „Und danach geht’s auf den Toompea, den Domberg“, so die Händlerin. „Die Aleksander-Newskij-Kathedrale da droben ist ein grün-gelb-rosafarbener Prachtklops. Aber das Barockschloss, in dem unser Parlament tagt, und die Terrasse mit Aussicht auf die Unterstadt sind um so schöner. Hier sehen sie’s auf der Karte. Wollen Sie die?“

 

Den Spaziergang solle man schließlich auf der Straße Pikk fortsetzen, wo es Gildehäuser, Teile der alten Stadtmauer und einen Geschützturm namens „Dicke Margarethe“ zu sehen gebe. „Aber so schön die City ist, machen sie auch Ausflüge! Zum Beispiel nach Schloss Kadriorg, das Zar Peter I für seine Frau bauen ließ. Oder ins Freilichtmuseum Rocca al Mare.“ Dabei handle es sich weniger um ein Museum als um ein Naherholungsgebiet, erklärt Katri: „In einem Wald an der Küste sind hier typische Gebäude aus ganz Estland aufgebaut. Bauernhäuser, Windmühlen, Fischerhütten, alle geschickt verstreut. Man spaziert gemütlich durch die Natur und stößt dabei auf die lauschigsten Plätze.“ Und der Name? „Kommt von den Findlingen, die hier aus dem Meer ragen.“

 

Dann packt Katri zusammen. Wenn sie die Karten zur Post gebracht hat, beginnt nämlich ihr Zweitjob: Sie ist Aushilfe im Mittelalter-Restaurant „Olde Hansa”. Wer hier einkehrt, fühlt sich wie ein reicher Kaufmann: Das stets zu Scherzen aufgelegte Personal trägt historische Kleider und serviert deftige Schweinfleischgerichte, etwa „Seapraad“, Schweinefleisch mit Kraut. Katri geht fort, Richtung „Olde Hansa” – und ihre Kunden haben richtig Appetit auf Tallin bekommen.

 

 

Mirko Ruittonnen

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