Der Weihnachtstraum

Stade Zeit Foto:Winfried Dannenmann  / pixelio.de

Stade Zeit
Foto:Winfried Dannenmann / pixelio.de

Die Mitternachtsmesse ist vorüber. Als Erich und Sylvia in ihr warmes, noch von der Familienfeier duftendes Zuhause kommen, freuen sie sich aufs Bett. Doch Sylvia beschließt: „Unser Christbaum ist so schön. Ich will noch ein wenig davor sitzen!“ Während ihr Mann schlafen geht, zündet sie die Kerzen an, setzt sich in ihren Lieblingssessel – und wie der Baum so ruhig leuchtet und glänzt, fällt sie in einen Schlummer und träumt.

 

Ihre Fantasie zeigt Sylvia die Feier des heutigen Abends. Ihr Sohn Bernd ist mit seiner Familie da, die achtjährige Anna spielte Flöte. Zwar bringt die Kleine der Oma kein Geschenk. Aber sie spielt so andächtig „Alle Jahre wieder“, dass Sylvia und die Schwiegertochter beseelt mitsingen: „… kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.“ Alle bewundern Omas schöne Stimme. Sylvia lächelt im Halbschlaf.

 

Dann führt der Traum sie weiter, zu einem anderen Fest: dem ersten Heiligen Abend mit Bernd, als er noch ein kleines Baby ist. Sylvia ist junge Mutter und mächtig stolz auf ihre Familie. „Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen“, singt sie mit Erich dem Baby vor, „wie glänzt er festlich, lieb und mild“. Berndi quietscht vor Freude. Singen ist Liebe…

 

Wieder ändert sich der Traum. Jetzt sieht Sylvia den Heiligen Abend kurz nach dem Krieg, an dem sie als kleines Mädchen mit der Familie singt. Für Geschenke fehlt das Geld, also vertreiben sich der Vater, die Mutter, ihr Bruder Werner und sie das Fest mit Weihnachtsliedern. Sie sieht ihre Mutter vor sich, wie sie lächelt und glockenhell singt. Von ihr hat Sylvia die Stimme geerbt. „Fröhliche Weihnacht überall, tönet durch die Lüfte froher Schall“, stimmen alle an. Ein befreites, frohes Fest!

 

Eine Kerze flackert und Sylvia schreckt hoch. Sie seufzt. Fast jedes Weihnachtslied erinnert sie heute an ein schönes Fest. Wie viele kommen noch? Sie steht auf und stellt die Kerze gerade. Dabei sieht sie plötzlich etwas Goldenes vom Baumstamm her blitzen. Nanu? Sie bückt sich und zieht ein Kästchen aus Glanzpapier ans Licht. „Für Oma“, steht darauf. Es ist im Trubel wohl vergessen worden! Flugs öffnet sie es: ein kleines Holzmedaillon ist darin, das einen Engel mit einer Harfe zeigt. „Liebe Oma“, steht auf der Rückseite, „das schenke ich dir, weil wir so schön zusammen Musik machen. Und weil ich dich lieb habe. Deine Anna“. Sylvias Herz macht einen Freudensprung. „Das ist das schönste Weihnachten von allen“, denkt sie glücklich. Im Schein der Kerzen stimmt sie leise, nur für sich, ihr Lieblingslied an: „Süßer die Glocken nie klingen als zu der Weihnachtszeit. ’S ist als ob Engelein singen, singen von Frieden und Freud…“ Dann löscht sie die Lichter und geht zu Bett.

Carla Ludwig

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Spamschutz * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.