Brauchen wir neue Kleidergrößen?

Foto: Joujou / pixelio.de

 

 

Das Hosenbein kneift, der Bund steht ab, der Kragen würgt – Kleidung von der Stange passt einfach nie richtig. Die häufige Erklärung dafür: Wir Deutschen werden immer größer und dicker.

 

Das stimmt. Der Durchschnittsdeutsche wuchs etwa in den letzten 130 Jahren um 16 Zentimeter in die Höhe, und die Taille der typischen deutschen Frau verbreiterte sich allein zwischen 1983 und 1999 von 78,6 auf 83,7 Zentimeter (Heidi Klum: 61). „Der Trend zu ausladenden Proportionen scheint ungebrochen“, meldeten 2005 die Hohensteiner Institute, die seit 1957 die Deutschen messen. Gleichzeitig gaben sich die Textilhersteller bisher keine große Mühe, diesen Veränderungen entgegen zu kommen. So schneidern viele nicht nach aktuellen Maßtabellen, sondern passen aus Sparsamkeit alte Zahlen einfach auf gut Glück dem geschätzten Wachstum ihrer Zielgruppe an.

 

Wobei zum Beispiel die aktuellsten Herren-Maße, die dabei als Basis dienen könnten, aus den 60ern stammen! Für Frauen wird darüber hinaus oft fehlgeschneidert, weil ihre Proportionen sich dank Kindersegen stark unterscheiden, als Schnittbasis aber stets die nicht existente Durchschnittsfrau heran gezogen wird. Auch dass Senioren kleiner werden, zählt nicht. Kein Wunder also, dass nichts passt.

 

Genau das soll sich jetzt aber ändern. Seit 2007 veranstalten die Hohensteiner Institute mit den 50 größten Textilherstellern der Republik und der Messtechnikfirma Human Solutions die größte Reihenmessung, die es in Deutschland je gab. Mehr als 12000 Personen zwischen 6 und 70 Jahren werden bei dem Projekt „Size Germany“ bis Ende dieses Jahres gemessen – berührungslos, durch einen 3D-Scanner, der die Daten von über zwei Millionen Körperpunkten liest. Dabei werden die Probanden auch nach Alter, Lebensumständen und Kaufverhalten befragt. Bis März 2009 entstehen so detaillierte Maßtabellen, nach denen die Textilindustrie ihre Kleider endlich anpassen will.

 

Wieder nur ein Marketing-Gag? Diesmal nicht. Denn Boss, C&A, Schiesser, Tchibo und viele weitere Firmen haben für die kostbaren Daten schon im Voraus je bis zu 75.000 Euro bezahlt. Keine Frage, dass sie auch die Früchte ernten und mit sensationellen Schnitten Kunden ködern wollen.

 

Wir bekommen in wenigen Jahren also tatsächlich neue Kleidergrößen. Traumhaft: Eine 38 wird dann um Taille und Hüfte zwei bis drei Zentimeter weiter, Hemdsärmel für Männer länger, Hosen für Senioren kürzer. Und wir Deutschen werden endlich wieder so schlank wie unsere Kleider.

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