Bloß keine Vorträge halten: Wie man mit Kindern ins Museum geht

Begehbare Gitarre im Deutschen Museum in München

Begehbare Gitarre im Deutschen Museum in München

Foto: Deutsches Museum
Die Kunstpädagogin Anne Leopold hat im Münchener Haus der Kunst täglich mit kleinen Besuchern zu tun. Sie erklärt, wie Eltern souverän mit Meckeran-
fällen, Szenepublikum und Riesen-Wachsklötzen umgehen.

Eignet sich moderne Kunst besser als klassische, um Kindern einen Einstieg in die Kultur zu bieten?

Kindern sollte man jede Kunst zugänglich machen. Die Moderne ist aber tatsächlich oft ohne großes Wissen zu begreifen. Die Anish Kapoor Ausstellung etwa, die Sie besucht haben, war ideal, weil sie die Sinne stärker anspricht als den Intellekt. Zudem arbeitet moderne Kunst oft mit Videos, Computern, Beamern – Dingen, die Kinder aus dem Alltag kennen. Das macht es ihnen leicht.

 

Ab welchem Alter kann man Kindern moderne Kunst zutrauen?

Kunst gehört zum Leben. Es kann schon eine Mutter mit ihrem Baby durch eine Ausstellung fahren, wenn ihr das gut tut. Spannend wird es natürlich, wenn Kinder Worte für ihre Eindrücke haben und sich austauschen können. So ist es für die Großen auch leichter, sie da abzuholen, wo sie gerade sind. Denn die gemeinsame Betrachtung sollte dem Entwicklungsstand entsprechen. Am Beispiel Kapoor erklärt: Bei Kleineren dreht sich da alles um Farben und Formen, mit Größeren kann man bestimmt über Indien, die Heimat des Künstlers, reden.

 

Wie führe ich mein Kind durch eine Ausstellung, Installation oder Performance?

Niemand muss ins Museum oder Theater eine bestimmte Meinung oder Bildung mitbringen. Es gibt auch keine vorgeschriebenen Reaktionen. Jeder erlebt das Gesehene anders, und darauf kommt es an. Angesichts eines riesigen Wachsklotzes fühlt der eine Überraschung, der andere Empörung – alles ist richtig. Darum ist es auch besser, beim Besuch die Kinder reden zu lassen, statt Vorträge zu halten. Ein schönes Spiel ist „Was siehst du in 30 Sekunden?“ Dabei erzählt jeder eine halbe Minute lang, was er meint, in einem Werk zu erkennen. Probieren Sie’s, dabei kommt Interessantes heraus.

 

Lernt mein Kind durch Kunst etwas fürs Leben?

Kunst lehrt Kinder das Sehen. Sie regt an, Dinge genauer zu betrachten und einzuordnen. Noch wichtiger ist aber, dass Kinder durch sie lernen können, ihre Beobachtungen konkret zu beschreiben. Klare Ausdrucksweise ist eine wertvolle Fertigkeit, auch für die Schule.

 

Vertragen Kinder alle Themen?

Generell kann man Kinder auch mit Themen wie Einsamkeit oder Angst konfrontieren. Gerade wenn sie selbst solche Gefühle erlebt haben, kann es sie trösten, dass es das auch bei anderen Menschen gibt. Am besten ist es, sich beim Veranstalter und bei Bekannten zu informieren, was gezeigt wird. Denn es gibt auch Schwieriges. Eine Ausstellung etwa, die sexuelle Handlungen zum Thema hat und das moralische Empfinden des Besuchers verletzen könnte, ist frühestens ab der 10. Klasse geeignet.

 

Wie lange können sich Kinder mit Kunst befassen?

Für unsere Spielführungen für Fünf- bis Achtjährige veranschlagen wir im Haus der Kunst eine Stunde, während der die Kinder auch selbst aktiv werden. Im Theater halten es Kinder in dem Alter ebenfalls eine Stunde aus. Wie viel sie dem Nachwuchs zumuten dürfen, wissen Eltern meist ganz gut.

 

Und wenn mein Kind trotzdem anfängt, zu meckern und nerven?

Dann haben Sie vermutlich schon das Bauchgefühl: Ab nach Hause. Genau das sollte man dann auch tun. Das Kind soll sich ja nicht schlecht fühlen, sonst sind die Scheuklappen gegenüber der Kunst jetzt schon dicht. Gut ist es, wenn Kinder der Situation nicht machtlos ausgesetzt sind. In Museen etwa können sie gut selbst bestimmen, wann sie genug haben.

 

Und wie gehen Eltern am besten mit den stirnrunzelnden Blicken von Kunstkennern um?

Die bildet man sich als Unerfahrener oft ein. In diesem Punkt können Erwachsene viel von Kindern lernen. Die meinen nicht, sie müssten sich angesichts von Gemälden irgendwie besonders benehmen. Sie sehen sie Kunst als etwas so Natürliches wie einen Spaziergang. Kunst steht bei ihnen nicht auf einem Sockel, und das ist auch gut so.

 

Mehr Infos zum Kinderprogramm im Haus der Kunst unter www.hausderkunst.de

Interview: Isabel Winklbauer

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Spamschutz * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.