Am Ufer der Erinnerung

Westlich von Calais bezaubert Frankreichs Opalküste mit einer ruhigen Meerlandschaft. Daneben locken Kriegsdenkmäler zum Eintauchen in die Vergangenheit.

Es gibt wohl nur wenige Eingeweihte, die wissen, wo man die Opal-Küste suchen muss. Den meisten ist sie unbekannt. Und doch liegt sie fast vor der Haustür, genauer gesagt am Ärmel-Kanal, unweit der Straße von Dover.

Die Nordseeküste Belgiens ist bekannt, von Knokke bis De Panne: ein Seebad nach dem anderen und ein beliebtes Urlaubsziel. Direkt hinter der Grenze zu Frankreich liegt Dunkerque, für die Deutschen immer noch „Dünkirchen“, verbunden mit Erinnerungen an den ersten Weltkrieg. Die damals zerstörte Stadt wurde so, wie sie vor 1914 war, wieder aufgebaut, vielleicht sogar noch schöner – es ist einen Besuch allemal wert. Auch die nächste Stadt ist sattsam bekannt: Calais. Sie ist Ausgangspunkt für die Fahrt über den Kanal nach Dover; Hovercraft-Luftkissenboote bringen Reisende samt Auto in einer halben Stunde nach England. Nach Calais trifft man noch auf den Eurotunnel von Sansgatte nach Ashford, ein Jahrhundertbauwerk. Und dann beginnt die Opalküste.

 

Kaum zu glauben, das kaum jemand über Calais hinaus die Landschaft mit der einzigartigen Meereslinie besucht und erkundet. Wer die Küstenstraße entlang fährt, registriert lange Zeit nur unbewusst: hier gibt es offenbar keinen Tourismus! Keine Hotelanlagen, keine Strandpromenaden, keine ausländischen Autos, keine typischen Besucher mit Shorts und Kameras. Die Gegend ist geradezu unberührt. Dabei erscheint alles optimal: Kilometer lange Sandstrände, die bei Ebbe mehrere hundert Meter weit ins Meer hinein reichen, sanfte Dünen, grüne Wiesen und Felder, kleine Wäldchen. Auf dem Wasser üben sich vereinzelt Sportler im Speed- und Strandsegeln, Drachensteigen, Funboardfahren und Segeln.

Dann und wann wird die Strandlandschaft unterbrochen durch steile, schroffe Steilküsten, verwittert und sturmerfahren. Nur wenige Häuser und noch weniger kleine Dörfer säumen die Straße. Kleine „Auberges“ tauchen auf, hier und da ein Kiosk, und sonst: nur wunderschöne, ruhige Natur. Am Cap Blanc-Nez und dem wenige Kilometer entfernten Cap Gris-Nez erreicht man die Punkte, die geografisch am nahesten an England liegen. Bei klarem Wetter kann man dort sogar die Kreidefelsen von Dover sehen – „The white cliffs of Dover“.

Allerdings ist es wohl gerade diese Nähe zur Insel, die den Tourismus unterdrückt. Schließlich wurde hier ein dunkles Kapitel der Geschichte geschrieben, und das halten die Franzosen Besuchern bewusst in Erinnerung. Alle paar Kilometer stößt man an auf ein Kriegsmuseum: Alte Kanonen, Lafetten, Eisenbahngeschütze des Zweiten Weltkriegs sind hier ausgestellt. Deutsche Waffen. Nur zehn Autominuten von der Küste entfernt ist die gigantische Abschussstation der V 2 zu besichtigen. Zehntausend Quadratmeter Grundfläche, 22 Meter hoch, massiver Beton. Man hat nach Kriegsende vergeblich versucht, den Bunker zu sprengen. Die Franzosen nennen die Basis „Le Blockhaus d’ Eperleques“ und der Besucher erfährt hier über Lautsprecher, untermalt von Beethoven-Musik, in sechs Sprachen die Geschichte von „le Blockhaus“. Deutsch ist nicht dabei… Ein paar Kilometer weiter dann eine „Attraktion“, die es laut deutschen Behörden gar nicht gibt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf: die einzige Abschussbasis der V 3, der Rakete für London, untergebracht in einem Tunnel, der parallel zu einem bestehenden Eisenbahntunnel gegraben wurde. Spätestens hier wird dem Besucher klar, warum die liebliche Region nicht touristisch erschlossen ist – zu viele dunkle Erinnerungen sind damit verbunden.

Jüngere Besucher allerdings, und Menschen, die die Augen vor der Geschichte nicht verschließen, können sich in die natürliche Landschaft der Opalküste richtig verlieben. In einer der Pensionen lässt sich ein unvergesslich romantischer Urlaub verbringen. Auch Ausflüge bieten sich an. Zum Beispiel in das flandrische Städtchen Bergues bei Dunkerque, mit dem typischen Flair einer etwas verschlafenen, nordfranzösischen Kleinstadt. Hier lassen sich nicht nur in historischer Umgebung „Potschvleesch“ (Eintopf aus Kaninchen, Hähnchen und Kalb) und „Paepe Tart“ (Rum-Rosinenkuchen) genießen. Anfang Oktober gibt es hier das Volksfest „Nuit du miroir des alouettes anno 1585“, bei dem das 16. Jahrhundert wieder lebendig wird.

Auch Lille ist einen Abstecher Wert. In der Hauptstadt des Nordens verbindet sich französisches Savoir-vivre mit flämischer Kultur, in den schönen Straßencafés sitz man sogar noch im Winter. Am ersten Wochenende im September verwandelt sich die Stadt zudem in einen riesigen Antik- und Trödelmarkt.

Und schließlich: Zehn Orte der Opalküste wurden mit dem Label “Kid station” für besonders kinder- und familienfreundlichen Service ausgezeichnet. Zu ihnen zählen Berck-sur-Mer, Boulogne-sur-Mer, Calais, Dunkerque-Dunes de Flandre, Gravelines, Hardelot, Le Portel, Le Touquet, Wimereux und Wissant

Hans-Joachim Kaltenbach

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1 Antwort

  1. Peter sagt:

    Schöner Artikel! Liest sich sehr gut!
    Die Küste klingt sehr interessant. Ich könnte mir vorstellen, das man da richtig gut surfen könnte. Gut, die Kriegsschauplätze finde ich jetzt etwas gruselig, aber die Abgeschiedenheit des Strandabschnitts ist natürlich klasse.

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